BRICS vs. Westen

Welche Perspektiven haben die BRICS-Staaten und können sie dem Westen Paroli bieten?

Aber zuerst, was braucht eine Supermacht? Eine starke Wirtschaft, eine starke Armee, eine starke Kultur sowie eine starke Wissenschaft und moderne Technik. So war es in allen Zeiten. Lasst uns deswegen in diesen Bereichen Vergleiche mit den zwei größten Konkurrenten – den USA und der EU – anstellen.

 

Wirtschaft

Aktuell hat BRICS einen Anteil am weltweiten BIP von über 25 % und einen Anteil am Welthandel von etwa 20 %. Die USA und EU haben beim BIP sowie beim Handel einen Anteil von etwa 40 %. Der Abstand hat sich zwar in den letzten 10-20 Jahren massiv verkürzt, jedoch haben die BRICS-Staaten in den letzten Jahren große Wachstumsprobleme bekommen und außer China und Indien gehören sie auch nicht mehr zu den schnell wachsenden Wirtschaften. Brasilien wuchs schon 2011 nur noch um 2,73 %, 2012 um 1,03 %, 2013 um 2,28 % und 2014 ist das Wachstum mit 0,1 % praktisch zum Stillstand gekommen. Dieses Jahr wird es gar einen Rückgang geben, laut Prognosen etwa -1,5 %. Im ersten Quartal waren es schon –1,6 % im Vergleich zum letzten Jahr. In Südafrika hat sich 2012 das Wachstum auf 2,47 % verlangsamt, 2013 auf 1,89 % und 2014 auf 1,4 %. Dieses Jahr werden höchstens 2 % erwartet. In Russland sieht es nicht besser aus. Gab es 2012 immerhin ein Wachstum von 3,4 %, waren es 2013 nur noch 1,28 % und 2014 0,6 %. Die Prognosen für 2015 gehen weit auseinander, vermutlich wird es einen Rückgang von etwa 3 % geben. Im ersten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 2,2 %. Die Zugpferde sind Indien und China, doch auch da gibt es Probleme. Die Wachstumszahlen sind zwar immer noch auf einem hohen Niveau, doch die sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen und das trotz einem extrem niedrigen BIP pro Kopf in beiden Ländern. Wenn sich nichts ändert, wird ihr Wachstum spätestens dann zum Erliegen kommen, wenn das brasilianische oder russische Niveau erreicht ist.

Aktuell verlieren vor allem Brasilien und Russland an Boden, gerade gegenüber den führenden westlichen Staaten, die es einzuholen gilt. Die deutsche Wirtschaft z. B. ist 2014 um 1,6 % gewachsen und in den nächsten Jahren werden Werte von knapp unter 2 % erwartet – trotz eines sehr hohen BIP pro Kopf. Der US-BIP ist trotz noch höheren Niveaus letztes Jahr um 2,6 % gestiegen. In absoluten Zahlen verlieren Russland und Brasilien entsprechend massiv an Anschluss und sie werden Jahre brauchen, um den neu hinzugekommenen Abstand wettzumachen.

Auch wenn die momentane Lage schwierig ist, hat BRICS trotzdem gute Chancen in absehbarer Zukunft aufzuschließen. Es reicht, wenn China sein BIP pro Kopf auf das heutige russische Niveau steigern kann, um zum Gespann USA/EU aufzuschließen. Russland, Brasilien und Südafrika müssen jedoch dringend ihre Strategien ändern und ihre Wirtschaften diversifizieren, um wieder auf die Überholspur zu wechseln.

Einen Wettbewerbsvorteil haben diese Länder schon, und zwar Rohstoffe. Ob Erdöl, Erdgas, Gold, Nickel, Platin oder Holz, von all dem ist reichlich vorhanden und muss nicht außerhalb der BRICS teuer eingekauft werden. Jetzt gilt es, diese Rohstoffe für eigene Erzeugnisse auch zu nutzen.

 

 Militär

Noch übertreffen die Militärausgaben der USA und EU die der BRICS-Staaten um fast das Dreifache, doch während die westlichen Militärausgaben schrumpfen, rüsten die BRICS-Staaten massiv auf. Russland beispielsweise wird um 2020 eine moderne Armee besitzen, wenn der Anteil moderner Technik von aktuell 30 % auf über 70 % erhöht wird.

Zahlenmäßig ist BRICS mit weit über 4 Mio. aktiven Soldaten schon jetzt die klare Nummer eins. Russland beliefert dabei die Streitkräfte anderer BRICS-Staaten mit modernen Waffen und stellt die technische Konkurrenzfähigkeit sicher. Die größte Stärke sind aber die Atomwaffen. 3 Länder haben Atomwaffen – China, Indien und Russland. Russland hat dabei weltweit die meisten.

Der militärische Einfluss weltweit ist verglichen mit den USA jedoch gering. Die USA haben aktuell fast 800 Militärbasen in etwa 40 Staaten. Die BRICS-Staaten so gut wie keine.

Hier gilt es zu versuchen, die Amerikaner, wo es nur geht, zu vertreiben und den eigenen Einflussbereich zu erweitern. In Asien wurde der amerikanische Einfluss schon massiv gedämmt, vor allem dank der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Zum Beispiel konnten aus Usbekistan oder auch Kirgistan die Amerikaner vertrieben werden und die eigene Präsenz im Pazifik wurde massiv verstärkt. Aus dem Irak sind die USA bekanntlich gegangen und Afghanistan verlassen sie auch bald. Syrien können sie trotz Anstrengungen nicht unter ihre Kontrolle bekommen.

Dank der eigenen Aufrüstung und der schwächelnden US-Armee, die zunehmend an finanziellen Engpässen leidet und sich kaum noch größere militärische Operationen leisten kann, sehen die Perspektiven für BRICS sehr gut aus.

 

Wissenschaft und Technik

Wie auch beim Militär geben die USA und EU fast dreimal so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus wie die BRICS-Staaten. Alleine die USA geben deutlich mehr Geld für Forschung und Entwicklung aus als alle BRICS-Staaten zusammen, es gibt also einen großen Nachholbedarf.

Die Wissenschaft wird etwas vernachlässigt in den BRICS-Ländern; sie geben nur etwa 1 % ihres BIP dafür aus, während es in Deutschland oder den USA fast 3 % sind. Unterfinanzierung und allgemein eher schlechte Forschungsbedingungen führten dazu, dass aus den BRICS-Staaten in den letzten 20-30 Jahren massenhaft Forscher ausgewandert sind, vornehmlich in die USA, und jetzt den Westen voranbringen. Alleine in den 90ern sind nur aus Russland Wissenschaftler im fünfstelligen Bereich ausgewandert (niemand kann sagen, wie viele genau; die Schätzungen reichen von 10000 bis 100000). Der Wegfall von 14 ehemaligen Sowjetrepubliken bedeutete aus naheliegenden Gründen ebenfalls einen herben Schlag gegen die russische Wissenschaft.

Heute wird in Russland zumindest offiziell versucht die Wissenschaft zu altem Ruhm zu verhelfen, doch die schlechte Finanzierung hat sich nicht geändert. Stattdessen wird versucht mit umstrittenen Programmen und Reformen zu helfen. Gefördert wird die Wissenschaft am besten von China, das jedoch erst eine starke wissenschaftliche Basis etablieren muss, da die Chinesen in den vorigen Jahrhunderten praktisch nichts in dieser Richtung gemacht hatten. Äußerst schlecht sieht es für Brasilien, Indien und Südafrika aus. Neben einer fehlenden Basis ist kein ernsthaftes Interesse seitens der Regierungen an Forschung und Entwicklung zu erkennen. Darüber hinaus ist keine bildungsfreundliche Kultur zu erkennen und das intellektuelle Potenzial ist mit äußerst niedrigen Durchschnitts-IQs zumindest sehr fragwürdig.

Es hängt vor allem davon ab, was China macht, weil man von Brasilien, Indien und Südafrika in den nächsten Jahrzehnten nur wenig erwarten darf und Russland alleine in jedem Fall zu schwach ist. Doch China muss sich erst beweisen. Um eine starke Wissenschaft aufzubauen, braucht man Jahrzehnte. China hat in den letzten 20 Jahren schon einen Riesensprung gemacht, es wird aber wohl weitere 20 Jahre brauchen. In diesen 20 Jahren sollten die BRICS-Länder ihre Zusammenarbeit in diesem Bereich maximieren, große gemeinsame Projekte vorantreiben und gemeinsam versuchen, ihre klügsten Köpfe aus dem Westen zurückzugewinnen.

Konkret zur Technik: In einigen Bereich ist BRICS durchaus konkurrenzfähig, in anderen nicht. Bei den Atomtechnologien, der Raumfahrt, Rüstungstechnik, IKT und Elektrotechnik sieht es ganz gut aus, in den meisten anderen Bereichen eher weniger, doch auch hier holt gerade China rasant fast überall auf, z. B. im Maschinenbau. Die Kooperation und der Wissensaustausch zwischen den BRICS-Staaten lassen aber zu wünschen übrig.

 

Kultur (und Medien)

Für den Machterhalt ist es fundamental wichtig, die öffentliche Meinung zu kontrollieren und die Massen abzulenken. Und genau hier hat BRICS am meisten aufzuholen. Die Meinungshoheit im gesamten Westen und vielen Teilen der Welt besitzt die USA und selbst in den BRICS-Ländern ist der amerikanische Einfluss vor allem durch Medien, NGOs und Filme relativ groß. Hollywood-Blockbuster, US-Musik, Coca-Cola und den American Way of Life kennt jedes Kind auf der Welt. Und das sorgt für Sympathien für die USA. Man könnte es Kulturimperialismus nennen, die Amerikaner haben ihn perfektioniert. Und dass Englisch Weltsprache ist, weiß inzwischen auch jeder.

Trotz der Wichtigkeit und den vergleichsweise geringen Kosten wird dieser Bereich in den BRICS-Ländern besonders vernachlässigt. Sowohl die Kultur- und Medienproduktion als auch die Verbreitung. Es müssen Weltklasse-Filme gedreht werden, es muss Weltklasse-Musik produziert werden, es muss international verbreitete Medien geben, die Sprache muss verbreitet werden etc. Interessanterweise scheint Russland das einzige Land zu sein, das hier wirklich etwas macht. Zum Beispiel ist RT schon seit Jahren ein international etablierter Nachrichtensender mit vielen Achtungserfolgen, Filme erscheinen immer häufiger u. a. in Deutschland auf DVD und eine Kinderserie läuft regelmäßig in fast allen westlichen Ländern („Mascha und der Bär“). Klingt vielleicht nicht besonders ernstzunehmend, jedoch sorgt genau sowas für ein besseres Image. Wenn ein Mensch vorher nur an Kälte, Wodka und Putin gedacht hatte, wenn er „Russland“ gehörte, denkt er jetzt vielleicht auch an „Mascha und der Bär“ – schon ist das Russlandbild deutlich positiver.

Um den USA auf dem Kulturmarkt Konkurrenz zu machen, erfordert es besonders viele Anstrengungen und viel Zeit, weil der Kulturmarkt mehr oder weniger eine geschlossene Gesellschaft ist. Während es selbst der schlechteste US-Film weltweit in die Kinos schafft, hat ein russischer oder chinesischer Top-Film kaum eine Chance. Ein russischer, chinesischer oder portugiesischer Song hat praktisch keine Chance in die Charts zu kommen, egal, wie gut er ist. Man muss den Markt stückchenweise für sich gewinnen. Wenn sich bspw. russische Filme auf dem DVD-Markt erst etabliert haben und gut bekannt sind, dann führt irgendwann kein Weg mehr am Kino vorbei. Dass es machbar ist, zeigt die Hochkultur. Das ist ein Bereich, in dem die USA es an Russland nicht vorbeischaffen (hier hat Russland gegenüber den anderen BRICS-Staaten einen Vorteil). Das Gleiche gilt für die Medien – man muss sich das Vertrauen langsam erarbeiten.

Der erste Schritt für BRICS ist es aber, für ein so ausreichend großes Angebot zu sorgen, dass westliche Produktionen auf dem eigenen Markt kaum mehr nachgefragt werden. So wie in den USA, wo der Durchschnittsmensch hervorragend ohne Auslandsproduktionen zurechtkommt. Danach muss man massiv Geld in die Vermarktung stecken und endlich für kulturelle Vielfalt auf der Welt sorgen.

Bis dahin werden auch hier viele Jahre vergehen müssen und auch hier ist die Kooperation äußerst dürftig. Das Potenzial ist jedoch enorm.

Erwähnenswert wäre, dass China aktuell den gleichen Fehler zu machen scheint wie damals die Sowjetunion. Und zwar setzen sie vor allem auf Hochkultur. Man hört immer häufiger von chinesischen Pianisten, Opernsängern usw., aber eben nichts von Popmusikern oder Filmen. Das Problem hierbei ist, dass ein gewöhnlicher Arbeiter nach einem harten Arbeitstag sicherlich keine Lust hat, sich ein Opernstück anzuschauen (und am Wochenende eher auch nicht). Er will mit seichter Unterhaltung berieselt werden. Kultur für die Massen muss es also sein.

 

FAZIT

Die Lage ist recht klar: Was BRICS am meisten fehlt, ist die Finanzierung verschiedener Bereiche und die Kooperation untereinander, und was BRICS am meisten braucht, ist Zeit.

Was die Kooperation betrifft, so wurde immerhin eine engere Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen angekündigt. Doch erst die Zeit wird zeigen, was daraus wird.

Vieles wird von China abhängen, das aktuell das Zugpferd ist und für eine längere Zeit auch das Zugpferd bleiben muss. Dann wird BRICS mit dem Westen gleichziehen können, das wird aber sicherlich mindestens zwei Jahrzehnte dauern.

Wenn Indien es bis dahin schafft, Chinas Erfolg zu wiederholen, kann sich die ganze Welt richtig warm anziehen.

0 Gedanken zu „BRICS vs. Westen

  • Netti
    13. Juli 2015 um 10:21
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    Kann ich soweit mitgehen ABER was in deiner Aufstellung fehlt ist die Betrachtung der jeweiligen Staatsverschuldung der einzelnen Länder und dann im großen ganzen UND da hat BRICS einen Vorteil der nicht zu unterschätzen ist. Wir wissen ja alle, eines Tages muss jeder seine Schulden zahlen und genau das könnte in diversen weltl. Ländern eine mehr als kritische finanzielle Lage heraufbeschwören. Sie mal allein Deutschlands BIP und dagegen unsere Staatschulden! Ist noch anschaulicher wenn man dies mal ins Verhältnis zu Griechenland setzt! ;-) Insofern sehe ich für die BRICS Staaten eine etwas bessere Ausgangslage für die Zukunft, so sie es richtig anpacken.

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    • Wolk A
      13. Juli 2015 um 17:17
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      Nicht ganz, die Schulden werden niemals zurückgezahlt. Das sind hauptsächlich bloß Nullen im Computer ohne Bedeutung. Eine Begleichung der Schulden ist ja ohnehin völlig unmöglich. Dieses Geld wird den eigenen Zentralbanken geschuldet, die haben die Lizenz zum Gelddrucken, also die USA und EU, und niemand kann denen was. Das ist ein komplexes System, das „Zentralbankensystem“. Die Schulden werden also völlig überbewertet. Die BRICS-Staaten haben diese Möglichkeit nicht, weil sie Teil dieses westlichen Systems sind, und sie müssen ihre Schulden tatsächlich begleichen. Daher der Unterschied.

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  • Wolk A
    13. Juli 2015 um 17:23
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    Außerdem gibt es das Konzept des Bankrott. ;)
    Und alles fängt wieder von neu an und das, was man sich aufgebaut hat, bleibt.

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  • Kaballah
    13. Juli 2015 um 19:17
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    Fleißig fleißig Wolk A! Und vor allem gut analysiert. Mit den Schlussfolgerungen kann man durchaus geteilter Meinung sein, vor allem wenn es um das Thema China geht, man darf nicht die Entwicklung der EU unterschätzen (gerade auch weil eben jenes TTIP einfach so durchgewunken wurde). Die USA versuchen auf diesem Wege deren Abhängigkeit von China neu zu ordnen, dass die EU dabei mitspielt (weil ohnehin in allen Belangen erpressbar) macht die Sache nicht einfacher. Und auch Russland ist wegen der Sanktionspolitik des Westens angreifbar geworden und muss sich anders aufstellen – die von dir genannten Beispiele zeigen das ja auch deutlich.
    Das Konzept eines Bankrotts geht so einfach leider nicht auf – es gibt eben kein einfaches von Neuem anfangen und alle Schulden sind verschwunden. Es gibt eher die Kopplung mit Privatisierung, Schuldenerlass gegen eine andere Form der Gegenleistung (z.B. Wirtschaftsabkommen) oder eben eine Zwangsenteignung der Menschen (wie hier in Deutschland auch schon angedacht mit dem Vermögen ab einer gewissen Höhe auf der Bank). Es kann also tatsächlich sein das nicht alle Schulden zurückgezahlt werden (dazu müsste man auch die Finanzindustrie als Verursacher haftbar machen) aber sicher ein großer Teil, der Rest wird möglicherweise auch versteckt über Zinszahlungen eingetrieben…
    Wie sonst sollte man sich wundersame Vermehrung von Geld erklären? Alleine das Anschmeißen der Gelddruckmaschine wird es nicht sein…

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