Nah-Ost-Korrespondent für die britische Zeitung „The Independent“ Robert Fisk: Nach dem Fall Mosuls wird der IS nach Syrien fliehen. Was dann?

Foto: Von Siqbal in der Wikipedia auf Englisch – Übertragen aus en.wikipedia nach Commons., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1858803

Ein sehr überlegenswerter Artikel der mal wieder deutlichst vor Augen führt, dass sich in unseren Nachbarstaaten  die Journalisten noch mehr um Objektivität bemühen und auf wesentlich höherem intellektuellem Niveau ihre Artikel schreiben als es bei uns der Fall ist.

Nach dem Fall Mosuls wird der IS nach Syrien fliehen. Was dann?
von Robert Fisk:

http://www.counterpunch.org/2016/10/18/after-mosul-falls-isis-will-flee-to-syria-then-what/

deutsche Übersetzung:

Die Syriens Armee, Hisbollah und iranische Verbündete bereiten sich auf eine massive Invasion tausender IS-Kämpfer vor, die aus dem Irak heraus getrieben werden, wenn Mosul fällt. Der wahre Grund hinter der laut heraus posaunten US-geplanten „Befreiung“ Mosuls, so vermutet das syrische Militär, sei es, Syrien mit Horden von IS-Kämpfern zu überschwemmen, die ihre irakische Hauptstadt zugunsten ihres syrischen Domizils Raqqa aufgeben werden.

Für Wochen schon gefallen sich westliche und amerikanische Medien in Wiederholungen selbstprophezeiischer Expertisen – der Kampf um Mosul sei eine Todesschlacht in Stalingrad-Manier – oder ein rasanter Sieg über den IS, dem inter-sektiererische Schlachten innerhalb der Stadt folgen werden. Die UN warnt vor einer massiven Flüchtlingsbewegung, die aus einer belagerten Stadt strömt. Allerdings erwarten Syrer, die Zeuge des plötzlichen Zusammenbruchs und der Evakuierung Palmiras wurden als ihre Armee die antike Stadt Syriens in diesem Jahr zurückerobern konnte, dass der IS die Stadt einfach aufgeben und Zuflucht in den bereits kontrollierten Gebieten in Syrien suchen wird.

Schon jetzt sind dem syrischen Militärgeheimdienst beunruhigende Berichte über IS-Forderungen nach neuer Elektrik -und Wasserversorgung in Städten und Dörfern südlich von Hasaka – einer syrischen Stadt, die von Regierungstruppen und Kurden im Norden des Landes gehalten wird – zu Ohren gekommen, die aufgrund des Zustroms von IS-Kämpfern aus Mosul bereitgestellt werden müssten. Anders ausgedrückt, wenn Mosul fällt, kann die gesamte IS-Kalifat-Armee direkt gegen die Assad-Regierung und ihre Verbündeten gerichtet werden – ein Szenario, das für wahre Entzückung in Washington sorgen könnte. Als die irakische Stadt Fallujah in diesem Jahr an die irakische Armee und Milizen ging, flohen viele IS-Kämpfer sofort nach Syrien.

Sayed Hassan Nasrallah, der Hisbollah-Führer, der tausende seiner Männer in den Kampf (auf Leben oder Tod) gegen den IS und Jabhat al-Nusra nach Syrien schickte, sagte in einer Rede über das Ashura-Gedenken letzte Woche, dass die Amerikaner „beabsichtigten, den Fallujah-Anschlag, bei dem sie dem IS eine Zuflucht nach Ostsyrien verschafften, zu wiederholen“ und warnte, „dass der gleiche hinterhältige Plan nun in Mosul ausgeführt werden könnte.“ In anderen Worten, die Niederlage in Mosul würde den IS dazu ermutigen, sich gen Westen zu bewegen, um Assad und die syrische Regierung in Syrien zu besiegen.

Dieser Verdacht wurde von einer Reihe Kommentare amerikanischer Generäle und Militärquellen während der letzten Woche kaum entkräftet. Der neu berufene US-Kommandeur in der Region, Lt. Gen Stephen Townsend, der das, was die VS unverschämterweise ‘Operation Inherent Resolve’ (Operation Angeborene Entschlossenheit) nennen, anführt, sagte, dass nicht nur Mosul, sondern auch die syrische Stadt Raqqa auf „seiner Eroberungsliste“ ständen. Doch wen genau meint er damit, der Raqqa einnehmen soll? Nach einem bereits in diesem Jahr eher politisch als militärisch gescheitertem Plan von der Basis Damaskus aus, versucht die Syrische Armee nach wie vor, sich nach Raqqa über die westliche Aleppo Road vor zu kämpfen. Russland versucht offensichtlich, seine Schlagkraft auf andere Milizionäre, insbesondere Nusra/al-Qaeda zu konzentrieren, die sowohl Moskau als auch Damaskus nun für wesentlich gefährlicher halten als den IS.

Beide haben bemerkt, wie Nusra – die ihren Namen in Jabhat Fateh al-Sham, geändert hat, die „Unterstützungsfront der Menschen aus der Levante“, in der Hoffnung, ihrem al-Qaeda-Ursprung zu verschleiern – von westlichen Politikern und Journalisten zunehmend als „die Rebellen“ bezeichnet werden, mitsamt einem Blumenstrauß anderer militanter Truppen, die die syrische Regierung bekämpfen. Ein nicht bekannter US-General wurde letzten Monat zitiert, als er seine Bedenken äußerte, die irakischen Shia-Kräfte an der Irak-syrischen Grenze könnten die Stadt Tal Afar angreifen, um die IS-Kämpfer im Irak in eine Falle zu locken – und dadurch ihre Flucht nach Syrien verhindern. Von ISIS selbst wurde berichtet, sie hätten Tel Afar Tage zuvor verlassen.

Das US-gegründete Military Times Onlinemagazin (Gerüchte besagen, es stehe dem Pentagon „nahe“) behauptete, dass General Townsend, der ein Meer von 5000 US-Truppen am Boden sowohl im Irak als auch weit nördlicher in Syrien befehligt, „ISIS nach Syrien weiterführen müsse, wo die VS nur wenige Verbündete am Boden hätten“ – was eine ziemliche Untertreibung ist – während Townsend selbst von „einem langen, schwierigen Kampf“ um Mosul spricht. Er wies ebenfalls auf eine „Belagerung“ Mosuls hin. Dies sind die düsteren Vorhersagen, an die Syrer nicht glauben.

Assads eigene Armee, die in einer bis dato fünfjährigen Schlacht 65000 Todesopfer zu beklagen hat, wurde von den Amerikanern bereits auf Kosten 60 Toter in Deir Ezzor bebombt – Washington beschrieb das als Versehen – und versucht nun, sich einem gewaltigen IS-Kämpfer-Zustroms zu stellen, der nach dem Zusammenbruch Mosuls die Grenzen überschreiten könnte. Nasrallah machte dazu eine verblüffende Andeutung in seiner Rede. Er wies darauf hin, dass, sollten die IS-Kräfte nicht von den Irakern persönlich in Mosul besiegt werden, dann würden die Iraker – mutmaßlich die irakische Shia-Miliz, die eine der Speerspitzen der syrischen Regierung bildet – „verpflichtet gen Ost-Syrien zu ziehen“, um die Terroristengruppe zu bekämpfen“.

Mit der Möglichkeit eingeschlossen, dass syrische Soldaten und ihre russischen Alliierten sich mit derselben Gruppe konfrontiert sehen könnten, ist es kein Wunder, dass sie die Einnahme Ost-Aleppos abschließen wollen – was auch immer es an Menschenleben kosten mag – bevor Mosul fällt.

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