Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

Vor dem „faulen Griechen“ kam der „faule Arbeitslose“: Die Bilder von Menschengruppen, die angeblich dem hart arbeitenden deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen, haben schon den Abbau des Sozialstaats unter Rot-Grün begleitet. Warum entstehen und wie wirken sie?

Politik und Medien sind sich einig: Die Griechen machen sich auf Kosten des deutschen Steuerzahlers ein schönes Leben. Doch das Bild eines Typen, der der hart arbeitenden Bevölkerung auf der Tasche liegt, ist nicht neu.

„Der ‚faule Arbeitslose‘ ist in der Vorstellung faul, ungepflegt, ungewaschen, er trägt die meiste Zeit Unterhemden und er konsumiert literweise Bier, kiloweise Chips usw. Er ist das Gegenbild zum Idealbild der Leistungsgesellschaft: gepflegt, rasiert, sportlich, morgens um 5 Uhr schon Joggen gehen, wenn Fernsehen dann nur Kulturfernsehen, 3sat, arte, und natürlich konsum- und ernährungsbewusst. Und er lebt nicht im Plattenbau, sondern im Altbauviertel.“

Sebastian Friedrich, Journalist und Sozialwissenschaftler Uni Duisburg-Essen

Das Bild einer nutzlosen Menschenklasse

Seit 15 Jahren begleitet das Bild den Abbau des Sozialstaats in Deutschlands. 2001 beschwört Gerhard Schröder in der BILD-Zeitung das Bild des „faulen Arbeitslosen“, Boulevardmedien berichten über den Erwerbslosen „Florida-Rolf“, das Privatfernsehen zeichnet Figuren wie Cindy aus Marzahn.

„Biologen verwenden für Organismen, die zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung ‚Parasiten‘.“ (Wolfgang Clement, Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, 2005)

Die Feuilletons bereiten diesen Bildern den Boden und Rot-Grün schafft mit Hartz IV das entsprechende System.

„Es ist so eine Wechselwirkung: Ich glaube, persönlich würden die Jobcenter-Mitarbeiter das nicht so durchziehen können, wenn das nicht vom Rest der Gesellschaft mitgetragen würde. Man sieht, in was für einem Film die sind.“  (Christel T., Erwerbslose und Aktivistin)

Mit der Euro-Krise hat sich diese „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, wie Soziologen die Abwertung bestimmter Menschengruppen bezeichnen, noch ausgedehnt. „Parasiten“, „Armutsmigranten“ und „faulen Griechen“: In was für einer Gesellschaft entstehen diese Bilder und wie wirken sie?

Ein Zündfunk Generator über die Dämonisierung der Armen in Politik, Medien, Jobcentern – und im eigenen Kopf.

Quelle: https://youtu.be/qB0eZg68IFE

Sebastian Friedrich, Journalist und Sozialwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen

Ein gesellschaftlicher Diskurs.

„In unserer Gesellschaft werden die Menschen nach ihrem Nutzen für die Wirtschaft bewertet.

Identitätsversprechen werden brüchig.

Sei eigenverantwortlich, diszipliniert, arbeite hart, dann wirst du ein Stück vom Kuchen abbekommen.

Wenn dies aber nicht eintritt, wenn die eigene Zukunft, z.B. in der Wirtschafts- und Finanzkrise, ungewiss ist, wenn die Belohnung für das disziplinierte Leben aus zubleiben scheint, wenn es scheint, als erhielten andere unverdient eine auch noch so geringe staatliche Unterstützung, dann kann sich die Enttäuschung über dieses nicht eingelöste Versprechen in Hass entladen“.

Und genau das erleben wir heute leider täglich.

0 Gedanken zu „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit

  • Kaballah
    27. Juli 2015 um 23:31
    Permalink

    Eigentlich ein schreckliches Bild Camilla. Vor allem weil es der politische Wille war und ist Menschen zu diskreditieren die oft auch ungewollt ihre Arbeit verloren haben und zumeist umsonst Bewerbungen trainieren, Bewerbungen schreiben und dann doch nicht genommen werden. Die Zahl derer die nicht anders können als mehrere Jobs anzunehmen um leben zu können spricht Bände – keiner möchte gerne als faul und unwillig gebrandmarkt werden, sicher gibt es auch einzelne Gegenbeispiele.
    G. Schröder hat mit seinem Kurs letztlich den sozialen Abstieg eingeläutet, wohl wissend damit auch gleichzeitig ein Klischee zu bedienen…

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